Von Bastelomanie und Mandalismus – Kritische Fragen

Basteln für das Mutterherz, Mandalas für Erzieherinnen und was hat dein Kind davon?

Das Internet wimmelt von Bastelanleitungen, die Bilder von wunderschönen Blättermandalas überschlagen sich und die Kindergärten sind gepflastert mit Werken. Von wem? Und warum bastelt ganz Deutschland? Zu Ostern, Weihnachten, Muttertag, Halloween und und und.

Wenn ein Marsmensch ohne Kenntnis von allem bei uns auf der Erde landen würde und einen Kindergartenrundgang macht oder die Küchenfenster, Innenwände und Wohnräume von privaten Haushalten mit Kindern analysiert, käme er zu nur einem schlüssigen Ergebnis: Des Menschen Kerngeschäft ist die Herstellung von Fensterbildern, Mobiles, Pappmascheepüppchen und Scherenschnitten.

Die praktische Pädagogik ist verweiblicht

Alles, was im Kindergarten geschieht, wird in erster Linie von weiblichen Mitarbeiterinnen konzipiert. Frauen, die von Frauen ausgebildet werden. Frauen, die eine zutiefst traditionell verhaftete Vorstellung von Erziehung haben. Und da liegt Basteln ganz vorne. Die allermeisten Frauen lieben es zu dekorieren.

Deko ist in unserer Gesellschaft gleich Kreativität. Außerdem ist Basteln sehr praktisch, denn die Kinder sitzen in der Regel an einem Tisch und lassen sich sehr gut führen. Bis auf solche, die Widerstände leisten. Aber das ist ein anderes Thema. Wer hält schon leere Wände aus? Volle Wände sind romantisch, kreativ und sind vor allem Zeugnis von Produktivität. Da kann man gleich beweisen, dass man sich mit den Kindern sinnvoll beschäftigt hat.

Und wenn die Kinder tatsächlich den Osterhasen selber ausgeschnitten hätten, wäre sogar die Übung der Feinmotorik absolviert. Und hätten die Kinder je, die von mir gesichteten Mandalas in Waldkindergärten aus Blättern selber gelegt, könnten wir es als Landart deklarieren.

Basteln ist der Tod der Kreativität

Während meiner ganzen Waldzeit haben die Forest Kids wunderbare und kreative Dinge hergestellt. Nichts davon wäre im Sinne einer herkömmlichen Erzieherausbildung vorzeigbar gewesen. Kinder legen aus eigenen Stücken keine wohl sortierten Kreise, sondern wilde Gebilde, mal chaotisch, mal geometrisch mal bildlich.

Die allermeisten Bilder im Internet von naturpädagogischen Produkten zeigen nichts anderes, als das was im Hauskindergarten auch passiert. Basteln, einfach nur mit Naturmaterialien. Das ist nicht kreativ. Hier greifen Erwachsene mit ihren ästhetischen Vorstellungen massiv ein und lenken die Kinder in eine bestimmte Richtung.

Das ist nicht Kreativität, sondern Reproduktion von Geschmack, der sich nach dem Mainstream richtet. Und der ist derzeit: Webrahmen mit wunderbar farblich abgestimmten Gräsern, Blättern und Ästen. Oder Landart mit Steinschlangen und Blätterherzen.

Basteln ist Materialschlacht

Wer bastelt, braucht Material. Im Hauskindergarten wird erst mal geshoppt, im Waldkindergarten schon mal alles abgerupft. Das entspricht nicht meiner Vorstellung von Nachhaltigkeit. Wer kreativ sein will, muss dann nämlich erst mal kaufen oder im Falle der Naturmaterialien zerstören.

Forest Kids nehmen deshalb von der Natur, nur das was wir brauchen oder das, was bereits herumliegt. Und das sind in den aller seltensten Fällen farblich aufeinander abgestimmte Blätter. Zum Kreativitätskonzept der Forest Kids gehört deshalb auch dazu aus dem, was da ist etwas Tolles zu machen.

Wir legen auch keinen Wert darauf, dass die Kunstwerke der Kinder Eltern- oder Erzieherherzen höher schlagen lassen oder sich als Wanddeko für die heimische Küche eigenen. Shoppen für Basteln ist ein No-Go. Denn hierfür gibt es keinen guten Grund.

Was hat die Materialschlacht sonst noch für Konsequenzen?

Erst einmal lernen die Kinder: Den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Kaufen und Kreativ sein, zwischen nehmen und kreativ sein. Sie lernen außerdem, wie ein Produkt auszusehen hat.

Und wohin mit den ganzen Werken?

An die Wände und Fenster. Ohne es beweisen zu können, stelle ich eine kühne Behauptung auf: Voll gepfropfte Wände und zugehangene Flure machen Kinder nervös. Sie lenken ab. Die Würdigung eines Werkes geht verloren, geht unter bei dem vielen Krimskrams. 

Eine der vielen Ursachen für die Schwierigkeiten unserer Kleinsten. Vor allem wenn man bedenkt, das dann ja noch die Berge von Spielzeug hinzukommen. Und mal Hand aufs Herz. Wo sind denn die ganzen Werke, wenn dein Kind 18 ist? Die meisten wahrscheinlich im Müll und ein paar hievon in der Kiste auf dem Dachboden. Die, in der Kiste haben ihre Berechtigung, der Müll nicht, denn wir haben nach wie vor nur diesen einen Planeten.

Basteln verträgt sich nicht mit Wald

Ich werde immer wieder von Eltern gefragt: Bastelt ihr auch? Meine Antwort: „Nur wenns wirklich sein muss“. Damit meine ich, wenn es für ein Thema unumgänglich ist und das ist sehr selten. Die Kreativität unserer Waldkinder wird angeregt, aber nicht gelenkt. Wer sich für einen Waldkindergarten entscheidet hat sich für einen Schwerpunkt entschieden und klammert damit gewisse Dinge aus.

Für Forest Kids ist Basteln kein Schwerpunkt. Hier findet Kreativität an anderen Stellen statt. Mal abgesehen davon: Kleber trocknet nicht im Wald, Scherenschnitt mit kalten Fingern im Winter? Papierberge im Wald werden klamm, nass und sind ja Zeugnis der Zerstörung des selbigen. Der Wald ist der wunderbarste Platz für Kreativität. Jenseits von der weiblich traditionellen Vorstellung von Erziehung.

Du willst auf das Basteln nicht verzichten?

Ein Kindergarten ist eine familienergänzende Einrichtung und keine familienersetzende. Ein Waldkindergarten bietet deinem Kind eine bestimmte Form der Erziehung an. Alles, was du dir darüber hinaus für dein Kind wünschst, solltest du ihm zu Hause anbieten.

Das gilt übrigens für alle Arten der institutionellen Betreuung. Kinderbetreuungseinrichtungen sind keine eierlegenede Wollmilchsäue. Ein Wald, in dem dein Kind niemals friert, sehr viel Freispielzeit hat, aber dauernd Angebote stattfinden. Sprachförderung, Chinesisch, Französisch, ästhetische und musikalische Frühförderung, Vorschulerziehung und soziales Engagement in sechs Stunden Betreuungszeit?

Jede Einrichtung hat einen Schwerpunkt, denn Verzettelung sollte keine Einrichtung einem Kind angedeihen lassen. Die Grunderziehung findet nach wie vor in der Familie statt und da kann und darf jeder selber entscheiden, was er dem Kind zuträgt. Eine All-Inclusiv Erziehung darf an keinen Kindergarten delegiert werden.

Gibt es Wege aus der Bastelomanie?

  • Ja. Mehr Männer in den Beruf. Sie tun dringend Not. Die wenigen, die sich trauen, werden nicht selten von den vor Ort agierenden schon lange etablierten weiblichen Erziehungskonzepten verschluckt.
  • Ja. Indem Angebote für Kinder immer auf Nachhaltigkeit und bessere Alternativen geprüft werden.
  • Ja. Indem wir anfangen leere oder übersichtlich bestückte Wände schätzen zu lernen.
  • Ja. Indem wir bei der ästhetischen Bildung von Kindern weniger übergriffig werden.
  • Ja. Indem wir die Gleichung Kreativität = Produktivität = Konsum aufheben.
  • Ja. Indem Basteln nicht das Herstellen von Dekoration ist.


Dein Waldschrat 

Dr. Iris Osswald-Rinner

 

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Dr. Iris Osswald-Rinner
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Waldschrat, Wissenschaftlerin und freie Autorin. Ich mache, was mein Herz mir sagt und von meinem Verstand genehmigt aber auch von ihm unterstützt wird. Mein Herz schlägt für meinen Mann und meine Kinder. Ich bin eine Vollblutsoziologin, die niemals aufhört nach dem guten, glücklichen Leben zu forschen. Insbesondere für Kinder. Zu meinem persönlichen guten Leben gehören zwei Neufundländer, drunter geht nix.