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von Dr. Iris Osswald-Rinner

Was ist das Besondere an der Eingewöhnung in den Waldkindergarten?

Du hast dich entschieden. Es ist soweit. In deinem Kopf existieren Bilder von deinem glücklichen Kind, das mit seinem besten Kumpel tobend durch den sonnendurchfluteten Wald hüpft. An deinem inneren Auge ziehen Bilder vorbei. Sie zeigen dir lachende, mit Matsch beschmierte Gesichter, geflochtene Gänseblümchenkränze im lockigen Haar kleiner Waldfeen, abenteuerliche Lagerfeuer und hübsche Mandalas aus Mais, Blättern und Kastanien im Herbst. Soweit so gut. Du hast mit deinem Kind im Waldkindergarten hospitiert, um die Eingewöhnung vorzubereiten. Es liegt schon die erste Woche Eingewöhnung hinter dir und es fühlt sich jetzt aber irgendwie ganz anders an, als die Bilder in deinem Kopfkino?


Der Unterschied zwischen Naturbegeisterung und Pflichtveranstaltung

Du warst mit deinem Kind doch ganz oft draußen? Dein Kind ist doch den Wald gewöhnt? Jetzt geht dein Kind jeden Tag in den Wald. Jeden Tag von 7.30 Uhr bis 13.45 Uhr. Nicht wenn du Lust hast, nicht wenn das Wetter passt, nicht die Strecke, die du magst und mit Erwachsenen, die dein Kind nicht kennt. Dein Kind ist jetzt zudem noch einer von Vielen. Bisher war dein Kind ein kleiner Superstar, der auf den Arm genommen wurde, wenn er nicht mehr laufen wollte, dem das Laufrad mitgeschleppt und dem bei laufender Nase ein persönlicher Tempotaschentuchservice ans Bein geheftet wurde.  Es hatte viel frische Luft, aber nicht soviel frische Luft. Die Erfahrungen, die du und dein Kind jetzt gerade machen, entsprechen nicht den Freizeiterfahrungen, die ihr gemeinsam im Wald gemacht habt. Früher konntest du mit deinem Kind in den Wald, jetzt „muss“ dein Kind jeden Tag in den Wald. Ein Wald, in dem es auch regnet, in dem man seine „Geschäfte“ erledigen muss, in dem einem keiner den Rucksack trägt und ein Wald, in dem man sich überhaupt nicht auskennt. 

Was kannst du für dein Kind tun?

Lasse los von unrealistischen und möglicherweise hinderlichen Bildern über das Leben im Wald. Öffne dich für das was kommt. Vielleicht ist es sogar besser als deine Bilder. Mache dir klar, dass diese Phase in eurem Leben Zeit braucht. Ein Kind darf, mit diesen großen Schritten in eine neue Welt, stolpern und viel Zeit brauchen. Erzieher sind dazu da deinem Kind die bestmögliche Unterstützung anzubieten. Probiere es mit Vertrauen und Optimismus.

Der Unterschied bei der Übergabe zwischen Hauskindergarten und Waldkindergarten 

Im Hauskindergarten gibt es eine Tür. Tür auf, Kind rein, Tür zu. Dein Kind ist abgelenkt, sieht dich nicht mehr, denn die Tür ist ja zu. Im Waldkindergarten gibst du dein Kind ab, unter luftigem Himmel. Es ist so schwer sich umzudrehen, nicht mehr zurückzublicken und womöglich hörst du dein Kind weinen. Dein Kind sieht dich weggehen. Dieser Abschied ist um einiges schwerer, für alle. Die Erzieher sind gefragt, diese Situation zu gestalten, die Eltern es durchzuhalten und die Kinder diese Art der Trennung zu schaffen. Und auch die Kinder, die schon eingewöhnt sind, stehen vor der Herausforderung, solche mitunter unangenehmen Szenen auszuhalten.

Was kannst du für dein Kind tun?

Mache ihm Mut: „Du schaffst das“. Trenne deine eigenen Schmerzen, von denen deines Kindes und gib den Erziehern die Chance deinem Kind zu helfen. In all den Fällen, die ich kenne, hören die allermeisten Kinder zeitnah mit dem Weinen auf, wenn die Eltern aus dem Blickfeld sind. Mache den Abschied immer gleich: Optimistisch, kurz und einfach. Ein ständiges Nachwinken, Nachknuddeln und Nachbusseln , weil du es brauchst, erschwert deinem Kind die Loslösung.

Der Unterschied in den Ängsten der Kinder während der Eingewöhnung

Die größte Angst aller Kinder in der Eingewöhnungzeit ist: Kommt mich jemand wieder abholen? Und zwar in allen Kindergärten. Im Waldkindergarten kommen elementare Sorgen hinzu. Ich versuche es einmal mit einer Geschichte für dich: Deine Firma steckt dich von heute auf morgen in einen Dschungel. Du kennst weder den Weg rein, noch raus, du kennst auch nicht deine Kollegen und du weißt auch nichts über den Anführer der Expedition und seine Kompetenzen. Sprich: Du machst dir große Sorgen, ob der Leiter den Weg überhaupt wieder herausfindet. Dir schnallt man einen Rucksack auf, den findest du jetzt erst mal schwer. Dir wurden alle vorgestellt, einen Namen konntest du dir vor Aufregung nicht merken. Ihr stromert durch die Gegend und du musst mal. Es kommen Geräusche aus dem Dschungel, die du nicht kennst. Du hast weder Laptop, Stofftier noch Handy dabei, sondern es gibt nur Wildnis um dich herum. 

Wie würdest du dich fühlen?

Wie lange brauchst du, um dem Expeditionsleiter zu vertrauen, dass er dich sicher durch und sicher aus dem Dschungel herausführt?

Frage dich doch mal, wie viel Zeit benötigst du, bis du dir Wege merkst?

Wie lange brauchst du, bist du den Rucksack locker flockig schleppst?

Wenn du in eine neue Gruppe kommst: Wie viele Tage oder Wochen brauchst du, bis du alle Namen kennst und dich sicher fühlst?

Wie lange brauchst du, bis du „freestyle“ Pipi machen kannst oder ohne Angst vor Schlangen, Spinnen und Monstern deinen Stinker ins Waldplumpsklo machst? Kinder, sind mit drei Jahren so gerade eben sauber, oder auch noch nicht. Die Welt der Toilette ist ohnehin noch ein Mysterium. Jemanden außer Mama und Papa fragen sowieso absolut unangenehm und dann noch im Wald? Das kann Kindern echt zu schaffen machen, auch bei der besten einfühlsamsten Erzieherin.

Was kannst du für dein Kind tun? 

Dein Kind darf in der ersten Zeit mit all diesen Ängsten zu tun haben. Erzieher sind dafür da, dass diese Eingwöhnungsprozesse verträglich und für dein Kind zumutbar verlaufen. Aber: Es geht manchmal nicht ohne Tränen oder Kummer. Es wäre wunderbar du könntest das akzeptieren. Unterstütze dein Kind positiv, indem du in der Zeit der Eingewöhnung Gelassenheit ausstrahlst und deine eigenen Ängste im Griff hast. Sprich mit den Erziehern, wenn du denkst, dein Kind sei unglücklich oder überfordert.

Der Unterschied in der Eingewöhnung zwischen Drinnen und Draußen

Es kommt außerdem die Anforderung des Waldes, denn Kinder werden ja für gewöhnlich im Herbst eingewöhnt, hinzu. Der kleine Körper muss sich also erst einmal an 6,5 Stunden Outdoor, fünf Tage in der Woche gewöhnen. Das ist nicht nur eine psychische Herausforderung, sondern auch ein physische. Da ich selber dort jeden Tag arbeite, weiß ich wie müde jeden Tag Wald macht. Zwar schön müde, aber müde. Der Körper hat im Winter eine ganze Menge Arbeit damit die Körpertemperatur aufrechtzuhalten. Und nicht vergessen. Dein Kind ist 6,5 Stunden am Stück unterwegs. Da braucht man Muckis und Ausdauer. Im Gegensatz zu Hauskindergartenkindern müssen Waldkindergartenkinder eine physische Eingewöhnung absolvieren. Und das mit drei Jahren. Hut ab.  

Was kannst du für dein Kind tun?

Dein Kind braucht eine richtig gute Waldschratausstattung. Es sollte weder frieren, noch nass werden, sowie gutes Schuhwerk tragen. Es braucht eine richtig gute Brotzeit, denn dein Kind braucht mehr Energie als ein Kind im Hauskindergarten. Gerade in der Eingewöhnungszeit braucht dein Kind ausreichend Pause und Erholung daheim. Auch wenn dir nachmittags nach Wald ist. Gönne deinem Kind gerade am Anfang Pausen vom Wald und körperlicher Herausforderung. 

 

Der Unterschied in der Anforderung an dein Kind im Waldkindergarten in der Eingewöhnungszeit

Die Loslösung von daheim in eine eigene Welt ist ohnehin eine ziemliche Herausforderung für dein Kind. Aber auch eine Chance, denn es kann sich in dieser Krise als selbstwirksam und kompetent erleben. Nach dem Motto: es war ganz schön schwer, aber ich habe es geschafft. Geschafft haben bedeutet nicht: Ohne Tränen, ohne Stolpersteine, glatter Durchmarsch. Mit geschafft haben ist gemeint, dass dein Kind auch die für ihn auf den ersten Blick unangenehmen Dinge des Lebens nachhaltig meistert. Im Hauskindergarten gibt es viele Möglichkeiten, die Eingewöhnungszeit mit sehr viel Ablenkung, zum Beispiel durch Spielzeug zu mildern. In Waldkindergarten gibt es kein Spielzeug. Da gibt es Wildnis und Menschen. Dein Kind muss sich von Anfang an in sozialer Kompetenz anstrengen. Das kann mitunter ganz schön anstrengend sein. Vor allem Kinder, die von zu Hause viel Spielzeug gewöhnt sind, haben eine große Umstellung vor sich. Es gibt Kinder, die hiefür viel Zeit brauchen. Kinder, die in der sozialen Kompetenz Schwierigkeiten haben, können nicht auf Spielzeug ausweichen. Beides kann nicht nur in der Eingewöhnung, sondern auch noch darüber hinaus zu Problemen oder Chancen, je nach Sichtweise, führen. 

Was kannst du für dein Kind tun?

Einen Waldkindergarten suchen, der kompetente und den Kinder zugewandte Erzieher hat.  Gib deinem Kind die nötige Zeit und Unterstützung einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Ich glaube vielen Kindern würde es helfen, wenn Eltern es aushalten, dass nicht immer alles rund läuft und dem Kind insgesamt mehr zutrauen und damit auch mehr „zumuten“. Kinder lernen das Durchhalten von Eltern, die durchhalten. 

Und wofür alle die Mühen der Eingewöhnung?

Ich kann die von ganzem Herzen versprechen, dass sich die Eingewöhnung in den Wald lohnt. Denn der Wald ist einer der schönsten Orte, an denen dein Kind, Kind sein kann. Eines, dem seine Eltern etwas zutrauen. Ein Kind mit Lebensfreude, Durchhaltevermögen und hoher sozialer Kompetenz. Dein Kind, das nach der Kindergartenzeit noch viele Jahre in geschlossen Räumen vor sich hat.  Damit kann man nie spät genug anfangen. Und drei Jahre glückliche Kindheit im Wald sind besser als kein Jahr. 

 

Hat dir noch etwas gefehlt oder hast du Fragen. Schreibe mir einen Kommentar, ich antworte gerne. 

Dein Waldschrat Iris 

 

 

 

Bruni
About Bruni
Waldschrat, Wissenschaftlerin und freie Autorin. Ich mache, was mein Herz mir sagt und von meinem Verstand genehmigt aber auch von ihm unterstützt wird. Mein Herz schlägt für meinen Mann und meine Kinder. Ich bin eine Vollblutsoziologin, die niemals aufhört nach dem guten, glücklichen Leben zu forschen. Insbesondere für Kinder. Zu meinem persönlichen guten Leben gehören zwei Neufundländer, drunter geht nix.

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