Geschmacksbildung bei Forest Kids

Was tun wir um den Kindern eine Geschmacksbildung zu ermöglichen?

Ein Kindergarten hat andere Voraussetzungen als eine Familie. Das Hat Vor- und Nachteile. Wir konzentrieren und ausschließlich auf die Vorteile und können so in diesem Thema gute Familien ergänzende Arbeit leisten.

Keine „Kinderlebensmittel“ aus der Werbung

Wir verzichten auf Lebensmittel, die in Werbung und Kindersendungen als verlockende Angebote angepriesen werden. Eltern und Kinder sind ständig Einflüssen ausgesetzt, die ihnen Produkte zeigen und deren Wertungen vorgeben.

Eltern kaufen Kindern diese Lebensmittel aus sehr verschiedenen Gründen. Das können sein:  Liebesbeweis, Machtkampf verloren, aus Glauben Kinder bräuchten Kinderlebensmittel, essen es selber gerne usw... Wir erwerben keine „Kinderlebensmittel“, da wir davon ausgehen, dass diese nicht zur Geschmacksbildung beitragen.

Weniger günstige Nahrungsmittel [süß, fett, mit weniger wünschenswerten Begleitstoffen wie Geschmacksverstärkern oder Aromen] sind permanent präsent und verlocken mit Botschaften, die Kinder eher als positiv wahrnehmen. Hierauf können wir im Kindergarten verzichten, da keine normale Haushaltsführung vorliegt.

Fertiggerichte adieu 

In vielen Haushalten ist es üblich Fertigprodukte oder Teilfertigprodukte anzubieten. Manche Familien können die Zeit für das frische Kochen nicht aufbringen. Nicht zuletzt werden auch hier Geschmäcker gebildet. Vor allem werden hierüber Marken und Produkte platziert sowie Geschmack immer gleicher Weise reproduziert.

Geschmack und Marke fallen zusammen. Dies ist bei der Verwendung von Rohzutaten gar nicht möglich. Da wir weder über Mikrowelle noch über Backofen verfügen entfällt die Verwendung von Fertigprodukten ganz. Auch haben wir genügend Zeit gemeinsam zu kochen, denn es gehört ja in unser Konzept.

PiPa und Po

Kinder bestimmen in privaten Haushalten ihr Essen mit. Durch ständige Forderungen nach PiPaPo (Pizza, Pasta, Pommes), weil sie gelernt haben, dass man Erwachsene beim Essen manipulieren kann [durch meckern, verweigern usw.].

Diese Form der Mitbestimmung gibt es bei uns im Kindergarten nicht. Gleichwohl dürfen die Kinder Wünsche äußern oder im Rahmen unseres gemeinsamen Kochens mitgestalten.

Essen zwischendurch und Ersatzessen

Kinder haben zu Hause oftmals die Gelegenheit , z.B. freien Zugang zum Kühlschrank oder Nachfrage durch Eltern und Großeltern, zwischendurch zu essen. Diese Möglichkeit besteht im Waldkindergarten nicht. Auch gibt es kein alternativ gekochtes Essen bzw.

Individualessen bei Ablehnung von Speisen. Kindern, die bei uns beginnen und noch recht klein sind, bekommen eine Zwischenmahlzeit aus ihrer mitgebrachten Brotzeit angeboten.

Kampfplatz Esstisch

Kinder sind nicht mehr dankbar, etwas zu essen zu bekommen, sondern Eltern sind dankbar, wenn Kinder etwas essen. Der Esstisch kann so zur Arena für Selbstbehauptungsversuche und zum Kampfplatz der Generationen werden. Wir sind in der guten Situation nicht dankbar sein zu müssen oder zu wollen, wenn Kinder essen.

Anbauen – Riechen – Fühlen – Schmecken – Kochen

Die Waldkindergartenkinder haben an der alltäglichen Versorgung Anteil und tragen Verantwortung. Sie pflanzen Kräuter an, riechen an und kauen auf selbigen, dürfen Zutaten waschen, schnipseln, rühren und kochen. Selbstverständlich inklusive naschen. Sie sehen Lebensmittel wachsen.

Sie bekommen eine Vorstellung von Größe, Farbe, Reifegrad, Gewicht, Geruch und Geschmack in verschiedenen Zubereitungsetappen und -arten.

Sie erleben ganze Lebensmittel, einzelne Zutaten für ein Gericht. Durch das Wegbleiben von Fertiggerichten erleben sie die Herstellung einer Speise von Anfang bis Ende mit ganzen Zutaten bzw. Rohzutaten und Gewürze. Z.B. Kartoffelpüree. Kartoffel schälen, waschen, kochen, mit Milch, Butter, Salz und Muskat stampfen, riechen und probieren, ob alles so schmeckt wie es sein soll.

Sie lernen unterschiedliche Zubereitungsarten und auch Zubereitungszeiten.  Ebenso erfahren sie den Umgang mit vielen verschiedenen Kochutensilien (verschiedene Messer, Muskatreibe, Käsereibe, Schöpfkelle, Salatbesteck, Knoblauchpresse, Wendezubehör, Schneebesen, verschiedene Schäler, Getreidemühle, Siebe usw.).

Sie verteilen ihr Essen selber, lernen zu portionieren. Nicht zuletzt gehört das gemeinsame Aufräumen, inklusive Reste naschen, während und nach dem Kochen dazu. Essen von Anfang bis Ende mit allen Sinnen.

Portionsgröße

Es gilt die Faustregel (nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene): Eine Portion = die Menge, die in die Hand passt. Damit ist die Hand des Essers gemeint. 
Unsere Kinder bekommen eine Kinderportion. Die meisten Essbiografien zum Thema „Aufessen“ sind weniger rühmlich, da die Portionen meist die für einen Erwachsenen sind.

Die allermeisten Kinder bekommen zu Hause und auch in Restaurants Portionsangebote, die nicht alters angemessen sind. Wir achten sehr auf angemessene Portionierung. Nachschlag geht bei uns immer, zumindest solange der Vorrat reicht. Dadurch, dass die Kinder bei der Verteilung des Essens mithelfen, lernen sie geeignete Portionsgrößen kennen.


Vom Probieren zur kulinarischen Offenheit

Jedes Kind wird motiviert, die angebotenen Speisen zu probieren. Probieren heißt, ein angemessen großes Stück der Speise wirklich zu kosten. Wie aus dem Blogbeitrag „Geschmacksbildung bei Kindern“ hervorging, macht erst die chemische Lösung Geschmacksempfindung möglich.

Damit dieser Vorgang überhaupt stattfinden kann, braucht das Lebensmittel Zeit im Mund. Bestenfalls gelingt es uns, die Kinder für kulinarische Offenheit zu begeistern. Das Probieren spielt sich für uns und den Kindern zwischen  Ermunterung – Freiheit- und Begrenzung ab. Süßes (Nach‐Tisch) gibt es immer am Schluss.

Essen wertschätzen

Wir möchten, dass die Kinder das Essen wertschätzen. So gibt es immer einen Applaus für die Kinder, die bei Zubereiten geholfen haben. Ein lautes „schmeckt mir nicht“ oder „mag ich nicht“ ist sozial nicht anerkannt, es beleidigt die Köche und verdirbt den anderen den Appetit.

Jemand, der nicht essen mag, kann seine Portion unkommentiert stehen lassen. Wir möchten so wenig Lebensmittel wie nur möglich wegschmeißen. Diese Haltung vermitteln wir auch den Kindern.

Durch überschaubare Portionen oder Probierportionen und die Möglichkeit, so oft Nachschlag zu holen, bis alles weg ist, lernen die Kinder verantwortungsbewusst mit Lebensmitteln umzugehen. Es ist uns außerdem wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass nicht jedes Essen zu 100% „schmecken“ muss.

Es darf Speisen geben, die man besonders gerne mag und solche, die man weniger gerne mag. Auch ein Essen, das einem heute „mittelmäßig“ schmeckt, verdient Wertschätzung. So erlangen sie Differenzierungskompetenz und Lieblingsspeisen behalten ihren Satus.

Neugier und Freude durch Vielfalt und qualitativ hochwertige Nahrungsmittel

Wir möchten die Kinder neugierig auf Lebensmittel und Geschmack machen. Darum haben wir Freude daran, uns vielfältige Gerichte und Speisen auszudenken. Dies gilt genauso für Hauptspeisen wie auch für Nachspeisen und Süßigkeiten. Bei der Nahrungsmittelauswahl achten wir auf Regionalität, Saisonware, Bioqualität und Frische. Auch macht neugierig, was die anderen essen oder was die Sinne verführt:

  • Bunt
  • Verlockendes Aussehen
  • Guter Geruch
  • Gutes Mundgefühl

Gerne bringe ich aus meinen Urlauben z.B. Österreich (Sirup, Nockalmfleisch, regionale Essig und Öle, Almkäse und Nockwürste) und Frankreich (Meersalz, Karamell, Früchtemus, Schokolade, Macarons, regionale Essige und Öle,  Camembert) neue Lebensmittel mit oder Landesspezialitäten.  Freude am guten Essen und einen Bezug zu erwünschten Lebensmitteln sind ein erfolgsversprechender Weg zur Ernährungsbildung.

Gerechtigkeit

Wir kommen dem Kinderwunsch aus der Kinderkonferenz nach, dass es in der Essensverteilung Gerechtigkeit gibt. Jeder bekommt das Gleiche und die gleiche Menge, wenn er möchte. Dies gilt insbesondere für den Nachtisch. Das ist den Kindern wichtig. Für jeden gelten die gleichen Regeln.

Atmosphäre und Darbietung der Speisen

Wir essen gemeinsam und legen Wert auf eine gesellige Atmosphäre. Auch gute Tischmanieren gehören dazu. Die Speisen werden, so gut wir das mit unseren begrenzten Möglichkeiten können liebenswert und ansehnlich angerichtet.

Vorbild

Alle Pädagogen im Waldkindergarten halten sich an die Speisen, die in der Konzeption als Brotzeit empfohlen werden. Wir essen das, was die Kinder essen bzw. die Kinder essen, was wir essen. Auch wir probieren alles und gehen wertschätzend mit Lebensmitteln um.

Wir halten uns an die Regeln und Tischmanieren, bekommen in Sachen Gerechtigkeit die richtige Portion  und die gleiche Menge an Süßem.

Wenn dich das Thema Geschmacksbildung interessiert erfährst du hier mehr über Geschmacksbildung bei Kindern und die Typisierung von Geschmack durch die Lebensmittelindustrie.


Dein Waldschrat 

Dr. Iris Osswald-Rinner

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Dr. Iris Osswald-Rinner
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Waldschrat, Wissenschaftlerin und freie Autorin. Ich mache, was mein Herz mir sagt und von meinem Verstand genehmigt aber auch von ihm unterstützt wird. Mein Herz schlägt für meinen Mann und meine Kinder. Ich bin eine Vollblutsoziologin, die niemals aufhört nach dem guten, glücklichen Leben zu forschen. Insbesondere für Kinder. Zu meinem persönlichen guten Leben gehören zwei Neufundländer, drunter geht nix.