Dein Kind will nicht in den Kindergarten – Was du tun kannst und was Kinder dazu sagen

Dein Kind will nicht in den Kindergarten – Was du tun kannst und was Kinder dazu sagen

„Ich will nicht in den Kindergarten“ – Dieser Satz ist wie eine Sirene, die Feuerwehreltern ausrücken lässt. Fehlalarm oder Großeinsatz? Eltern machen sich immer wieder Sorgen. Und auch wir Erzieher sind nicht immun. Jeder wünscht sich freudig, trällernde Kids die strahlend jeden Morgen sagen „Wie schön, das ich in den Kindergarten gehen kann“. Das ist jedoch mehr ein Wunsch als soziale Realität. Warum? Das erfährst du hier: 


Der Beginn einer (R)evolution

Gleich vorweg. Dies ist der Anfang einer niemals endenden (R)evolution. Das Eltern-Kind-Verhältnis ist ein Leben lang geprägt durch „ich will  und ich will nicht. Es geht nach dem Kindergarten weiter und zwar ungefähr so: „Ich will nicht in die Schule“ , „ich will länger aufbleiben“, „ich will keine Hausaufgaben machen“, „ich will nicht mit zur Oma“, „ich will diese Jeans nicht anziehen – ich will diesen kurzen Rock hier“, „ich will nicht mit euch in den Urlaub fahren, ich will mit meinem Freund fahren, denn ich bin mit meinen 15 Jahre schon erwachsen“, „ich will nicht studieren, und schon gar nicht das, was mir alle empfehlen“, „ich will dein gebrauchtes Auto nicht, ich kaufe selber eins“usw. Also am besten jetzt schon einmal üben, denn es wird nicht besser.

Das Hier und Jetzt

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie müssen vieles noch lernen. Einiges davon sollten wir Erwachsene auch von ihnen wieder zurück erlernen. Wenn es für Kinder im Hier und Jetzt passt, dann können sie sich oft nicht vorstellen, dass es woanders auch gut oder besser sein soll. Das trainieren wir ja alle erst im Laufe des Lebens. Ein Erwachsener ist in der Lage für ferne Ziele viele Opfer zu bringen, weil sie sich vorstellen können, was dann „besser“ ist.  Kinder finden es morgens zu Haus gut. Warum sollten sie das „Jetzt“ hinter sich lassen für das ferne Ziel Freunde im Kindergarten zu treffen? Umgekehrt: Unsere Rückwege aus dem Wald heraus sind sehr zäh, weil kein Kind „jetzt“ heim will, denn „hier“ ist es schön. Wir schieben solange an, bis sie die Eltern am Abholplatz erblicken. Wenn die Mama gesehen wird, ist sie wieder im Bewusstsein. Im Hier und Jetzt. Eine unglaubliche Fähigkeit, die es den Kindern ermöglicht sich auf den Moment zu konzentrieren und ihn voll auszuschöpfen. Aber auch recht schwierig, wenn es darum geht Kinder für das „später“ oder „gleich“ zu motivieren.

Kindergarten ist manchmal nicht nur Spaß

Im Kindergarten warten viele Herausforderungen auf eure Kinder. Manchmal sind diese gar nicht spaßig. Es gibt soziale Konflikte, kalte Jahreszeiten, Auszeiten, „doofe“ Regeln, Langeweile, ein Fingerspiel, das man sich irgendwie nicht merken kann, eine Erzieherin mit Mundgeruch, einen Freund, der gesagt hat, die Jacke findet er doof, usw. Sprich: Kinder haben unendlich viele Gelegenheiten innerhalb ihrer Gleichaltrigengruppe wichtige Dinge zu lernen und auch mit Problemstellungen zurecht zu kommen. Kinder können die Erfahrung machen „eigentlich wollte ich gar nicht hin – und dann hat es doch geklappt – ich habe es geschafft.“ So wie ihr. Erst wollt ihr nicht joggen und wenn ihr unterwegs seid denkt ihr: „Hey, das ist toll, ich habe es geschafft.“ Oder: Man rafft sich in die Arbeit auf, denn gestern war der Chef meschugge und die Kollegin krank und der Kaffee kalt und das Internet platt und die Kantine voll und die Nacht lang. Und dann läuft der Tag meist besser als man dachte.

Alles und Nichts

„Ich will nicht in den Kindergarten kann alles oder nichts bedeuteten. Vielleicht erreicht euer Kind mit diesem Satz bei euch eine Herzfrequenzerhöhung um 40 Schläge. Soviel Aufmerksamkeit und Einflussgröße fühlt sich gut an. Für euer Kind. Oder euer Kind hat ernste Probleme in der Einrichtung. Das sollte zeitnah mit der Erzieherin angesprochen werden. Und dazwischen liegt so viel. Ich habe mit unseren Experten, den Waldkindergartenkindern, einige Morgenkreise gemacht. Ich wollte von ihnen persönlich wissen, was sie bewegt, wenn sie nicht in den Kindergarten gehen wollen.

Kinder antworten als Experten

[Ich antworte für euch in der eckigen Klammer]

„Einfach nur so.“ [war die häufigst genannte Antwort. Also potentielle Motivation:  Erhöhung elterlicher Herzfrequenz und maximale Maßnahme zur Erhöhung der Aufmerksamkeit mittels Diskussion ]

„Wegen der vielen Sachen, die ich anziehen muss.“ [stimmt, ist wirklich nicht angenehm, aber kein Grund nicht zu gehen]

„Wenn der Kindergarten zu ist, will ich hin und wenn er auf ist will ich daheim bleiben. Ich will immer das Gegenteil.“[Die meisten Menschen wollen, was sie nicht haben können. Gut für das Kind, dass es das Lernfeld Kindergarten hat]

„Ich spiele immer nach dem Aufstehen. Dann holt mich die Mama und ich will eigentlich weiter spielen.“ [Die Sache mit dem Hier und Jetzt. Vielleicht ist das morgendliche spielen, basteln, puzzeln, malen, fernsehen kein geeigneter Einstieg in den Kindergartentag]

„Ich würde lieber ausschlafen“ [Stimmt, wollen wir alle. Dann wäre es für dieses Kind eine Möglichkeit früher ins Bett zu gehen, um mehr Schlaf zu bekommen]

„Manchmal komme ich nicht so gerne wegen Anton, der haut mich soviel“ [Ist in jedem Fall eine Sache, die die Erzieherin in Augenschein nehmen sollte]

„Wenn ich nicht in den Kindergarten gehe, schmust die Mama mit mir oder macht einen tollen Ausflug.“ [Das Kind ist schlau. Wer würde denn da in den Kindergarten gehen?]

„Ich gehe trotzdem, denn ich weiß ja, dass es schön wird.“ [Dieses Kind ist ein schlauer Fuchs, Vorschulkind, und hat schon aus der Erfahrung gelernt. Er kann schon über das Hier und Jetzt hinaus denken]

„Ich würde lieber  kommen, wenn mich ein Hubschrauber herfliegen würde.“ [Genau. Ich auch]

„Meine Eltern haben morgens soviel Stress, da krieg ich auch schlechte Laune.“ [Verstehe ich gut]

„Ich glaube, die Mama hat mich gerne zu Hause, die langweilt sich ohne mich, die hat sonst niemanden.“ [Dieses Grundgefühl ist für ein Kindergartenkind ein Hemmnis sich frei zu entwickeln]

„Wenn ich daheim bleibe, kann ich mit einkaufen fahren. Und da kocht mir meine Mama mittags was ich will.“ [Puh. Das können wir im Waldkindergarten nicht anbieten]

Euer Waldschrat Iris

Kennt ihr solche Phasen? Wie habt ihr das gelöst? Schreibt mir. Ich antworte gerne. 

 

 

 

Dr. Iris Osswald-Rinner
info@waldpaedagogik.life

Waldschrat, Wissenschaftlerin und freie Autorin. Ich mache, was mein Herz mir sagt und von meinem Verstand genehmigt aber auch von ihm unterstützt wird. Mein Herz schlägt für meinen Mann und meine Kinder. Ich bin eine Vollblutsoziologin, die niemals aufhört nach dem guten, glücklichen Leben zu forschen. Insbesondere für Kinder. Zu meinem persönlichen guten Leben gehören zwei Neufundländer, drunter geht nix.