Haben Waldkindergartenkinder Nachteile, wenn sie in die Schule kommen?

Schulreife von Waldkindergartenkindern

Es kommt der Tag, an dem jedes Kind in die Schule geht, auch Waldkinder. Die Diskussion ob Waldkinder angemessen auf die Schule vorbereitet werden oder nicht, ist zumeist ein ideologisch geführter Streit, der an den Glaubenssätzen von Pädagogen und Eltern ansetzt.

Es mangelt hier an empirischen Studien, die den Schulerfolg von Kindern aus Waldkindergärten nachvollziehbar machen. Außerdem sind Waldkindergärten in ihrer Konzeption und praktischen Umsetzung derart verschieden, dass ohnehin nicht von einem allgemein pädagogischen Konzept, wie zum Beispiel bei einem Montessori-Kindergarten, die Rede sein kann.


Vorschule im Waldkindergarten

Fakt ist: Die Vorschuluntersuchungen und Schuleignungstests prüfen Fertigkeiten, die vordergründig in Hauskindergärten vermittelt werden und die im deutschen Schulsystem als Voraussetzung von Schulreife gelten.

Kinder, die im Hauskindergarten vom dritten bis zum sechsten Lebensjahr Manschgerl (ein bayerischer Ausdruck für „kleiner Mann, Spielfigur“) malen, können Manschgerl malen. Hauskindergartenkinder, die jeden Tag Zugang zu Malstiften haben, können in der Regel den Stift bei Einschulung so führen, wie es von ihnen erwartet wird.

Hauskindergartenkinder, die regelmäßigen Zugang zu Arbeitsblättern haben, können Arbeitsblätter bearbeiten. Waldkindergartenkinder, die jeden Tag ihren Rucksack selbständig packen, schnitzen, auf Bäume klettern, im Schnee spielen, sich in der Gruppe mit den Widrigkeiten des Waldes zurecht finden müssen, sind resilient (widerstandsfähig), motorisch fit, im höchsten Maß selbstständig und erleben sich als selbstwirksam.

Wer aus einem Stock wahlweise ein Pferd, ein Schwert, eine Wippe, ein Krokodil oder ein Feuerwehrauto werden lassen kann, ist kreativ und in der Lage Transferleistungen zu absolvieren.

Wer sich im Pflanzenführer zurecht findet, kann gleiche Pflanzen von ungleichen unterscheiden und ist weniger auf die Unterscheidung von Dreiecken und Quadraten spezialisiert. „Ihr Kind kann keine Manschgerl malen.“ und „Die Stifthaltung passt nicht.“ sind die klassischen Rückmeldungen für Waldkindergartenkinder nach Schuleingangsuntersuchungen.


Bitte gelassen bleiben

Wer durch den Wald wandert, findet sich in seiner Umgebung zurecht und entwickelt einen Orientierungssinn und Sicherheit im Umgang mit neuen Herausforderungen.

Und wenn ein Kind mit anderen gemeinsam ein Weidenzelt baut, kann es planen, im Team arbeiten und seinen Plan praktisch umsetzen, aus Fehlern lernen und den Erfolg unmittelbar spüren. Nur wird all das nicht in einer Vorschuluntersuchung abgefragt.

Kurz gefasst: Diese Kompetenzen sind zunächst keine Kriterien, die unmittelbar einen Einfluss auf die Schuleignung haben, aber mit Sicherheit eine mittelbare und langfristige Auswirkung auf den Schulerfolg und auch den konstruktiven Umgang mit den Herausforderungen der Lebensgestaltung haben.

Dies wäre durch empirische Studien zu prüfen. Wie aber können Waldkindergärten und auch Eltern mit diesen Sachständen umgehen, ohne sich in weniger fruchtbare Diskussionen zu verstricken?


Transparenter und selbstbewusster Umgang mit dem Thema

Pädagogen können dieses Thema für die Eltern durch die Aufnahme in die Konzeption und Kommunikation in Elterngesprächen nachvollziehbar gestalten.

Die Pädagogen und auch die Eltern können ihre Kinder unterstützen, damit sie in den Eingangsuntersuchungen keine Versagensängste entwickeln. Auch können die Eltern von vorneherein gebeten werden, so ihnen der Gleichstand der Fertigkeiten ihrer Kinder mit Kindern aus Hauskindergärten wichtig ist, die Möglichkeiten diese Kompetenzen zu entwickeln, daheim vermehrt zur Verfügung zu stellen.

Es ist für Waldkindergärten weder von den Rahmenbedingungen her möglich noch von der Schwerpunktsetzung der Naturpädagogik sinnvoll, die Ressourcen hierfür zur Verfügung zu stellen.

Die Unterscheidung von Inhalt und Methoden

Der Zugang zu Inhalten der Mathematik und Sprache oder Sozialkompetenz ist sowohl im Haus- als auch im Waldkindergarten gleichwertig möglich. Nur die Methoden unterscheiden sich voneinander, weil Schwerpunkt und Rahmenbedingungen unterschiedlich sind.

Vorschultests wählen zur Abfrage die Methoden, die in Hauskindergärten vermittelt werden und in der jeweils aktuellen schulischen Umsetzung der Vermittlung von Lerninhalten entsprechen.

Waldkindergartenkinder haben also bei diesen Tests weniger Schwierigkeiten mit den Inhalten, sondern mehr mit den Methoden. Es ist anzunehmen, dass sie sich bei der Einschulung aufgrund der hohen kindlichen Anpassungsfähigkeit und Flexibilität schnell auf die ihnen nicht so geläufigen Methoden einstellen können.

Zudem haben seriös arbeitende Waldkindergärten die Umsetzung der Erziehungs- und Bildungspläne der jeweiligen Bundesländer zur Aufgabe. Sie haben sicherzustellen, dass sie den Kindern angemessene Methoden zur Vermittlung der vorgegebenen Inhalte zur Verfügung stellen. Eben innerhalb der Rahmenbedingung „Lebensraum Wald“ und nicht zu den Bedingungen eines Hauskindergartens.

Gegenseitige Wertschätzung und Öffnung

Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, die unterschiedlichen pädagogischen Ansätze von Hauskindergärten und unserem Waldkindergarten zu respektieren und als gleichwertig anzuerkennen. Das ermöglicht gegenseitige Inspiration und die Kinder spüren, dass sie weder „schlechter“ noch „besser“ aufgestellt sind und auch die Pädagogen in der Umsetzung ihres Erziehungsauftrages gleichwertig sind.

Auch die Öffnung zur ortsansässigen Grundschule und die Zusammenarbeit im Vorfeld der Einschulung sind ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg zur Akzeptanz und zur Gewährleistung eines erfolgreichen Übergangs in den neuen Lebensabschnitt als Schulkind für unsere Waldkindergartenkinder.

Lehrer verstehen sich so als Helfer im Übergang für unsere Kinder, den neuen methodischen Zugang zu Lerninhalten sicher und schnell zu schaffen und sie nicht als benachteiligt anzusehen.


Bewusste elterliche Entscheidungen und Konsequenzen tragen

Wenn Eltern die Entscheidung für ihr Kind treffen, es in den Waldkindergarten zu geben, dann sollten sie sich des Schwerpunktes und der Konsequenzen für ihr Kind bewusst sein.

 Die Vielfalt der pädagogischen Konzepte ermöglicht es Eltern einen Schwerpunkt zu wählen. Wahl bedeutet aber nicht nur die Freiheit, die Kindheit des Kindes zunehmend nach eigenem Ermessen zu gestalten, sondern auch die Verantwortung hierfür zu übernehmen. Wer sich für etwas entscheidet, muss sich gleichzeitig auch immer gegen viele andere Möglichkeiten entscheiden.

Es gibt auch im Kindergartenbereich keine Konzepte der „eierlegenden Wollmilchsäue“. Ein Gefühl des „wenn ich das wähle, habe ich aber dies und das für mein Kind nicht möglich gemacht“ stellt sich bei der Vielfalt aktueller Möglichkeiten schnell ein. Gerne wird der Druck, der hierdurch entsteht, für sein Kind das Bestmögliche zu wollen, an Pädagogen weitergegeben. Es ist Aufgabe der Pädagogen, diesen Druck nicht anzunehmen und diesen Druck nicht an die ihnen anvertrauten Kinder weiterzureichen.

Eine reflektierte Entscheidung für ein pädagogisches Konzept setzt eine konsequente und selbstbewusste Haltung voraus sowie die Übernahme von Verantwortung für die resultierenden Konsequenzen hieraus.


Dein Waldschrat 

Dr. Iris Osswald-Rinner

Dir gefällt, was du liest?

Dann unterstütze unsere Waldkindergartenkinder, indem du etwas spendest.
Ganz egal, ob es sich hierbei um eine große oder kleine Summe handelt - wir freuen uns über jede Unterstützung!

Damit du dir sicher sein kannst, dass deine großzügige Tat sicher und seriös abläuft, wickeln wir unsere Spenden direkt über die Homepage vom Bildungsspender oder über PayPal ab.

Tags:
Dr. Iris Osswald-Rinner
info@waldpaedagogik.life

Waldschrat, Wissenschaftlerin und freie Autorin. Ich mache, was mein Herz mir sagt und von meinem Verstand genehmigt aber auch von ihm unterstützt wird. Mein Herz schlägt für meinen Mann und meine Kinder. Ich bin eine Vollblutsoziologin, die niemals aufhört nach dem guten, glücklichen Leben zu forschen. Insbesondere für Kinder. Zu meinem persönlichen guten Leben gehören zwei Neufundländer, drunter geht nix.