Selbständigkeitserziehung im Kindergartenalter

In Selbständigkeitserziehung investieren oder deinem Kind zur Abiturprüfung die Schultasche packen?

Mein Sohn ist neun Jahre alt. Ich richte ihm jeden Morgen die Brotzeit her, sowie für den Rest der Familie inklusive meiner Vierbeiner.

Im Paralleluniversum meines Mannes spielt sich ähnliches ab: Trinkflaschen und Frühstück für alle klar machen, Brotzeiten in die Taschen räumen.

Unterdessen schlafen unsere Kinder friedlich in ihren Betten und unser Aupair natürlich auch. Neulich schmierte ich die Butter so vor mich hin und dachte: „An welcher Stelle ist der Zug eigentlich in Sachen Selbständigkeitserziehung bei unserer Familie abgefahren?“. 

Ein paar Züge fielen mir ein.  Die Schultasche meines Sohnes sieht aus wie eine Mülldeponie und ich erinnere ihn immer noch ans Zähneputzen. Jetzt stelle ich mir vor wie er sich selber eine Brotzeit macht. Das belebt meine Phantasie: Küchenverwüstung, Schokolade und Käse in der Brotzeitbox, 24 Mal den Satz: „Konzentriere dich auf die Brotzeit, der Schulbus kommt gleich.“

Ne dachte ich: „Lieber schmiere ich Butter für alle auf alles.“ Falsch gedacht. Dein Kind ist ein Kindergartenkind. Noch ist nichts verloren. Nimm dir die Zeit für Selbständigkeitserziehung, damit du irgendwann zwischen dem Abitur und dem Diplom deines Kindes aufhören kannst deinem Kind die Schultasche zu packen. 


Wie schaffst du dir Platz in deinem Alltag für die Selbständigkeitserziehung?

Dein Kind hat eine Menge zu lernen. Selber anziehen, selber essen, selber Zähne putzen, selber, selber und selber. Ich kann das schon alleine ist der beliebteste Satz bei Kindern. Kannst du deinem Kind das alles gleichzeitig beibringen?

Eher nicht. Selbständigkeitserziehung erfordert Zeit und eine bestimmte Reihenfolge. Und damit es für dein Kind eine Herausforderung und keine Überforderung wird, braucht es ein überschaubares Maß sowie Konzentration auf eine Sache.

Wenn du deinem Kind nach dem Lesen des Artikels ab sofort beibringen möchtest, wie man sich selber einen Reißverschluss auf- und zumacht, sich eigenhändig den Po sauber abwischt, sich die Zähne blitze blank putzt, sich selbständig an- und auszieht, sich alleine den Kindergartenrucksack packt und das Zimmer picobello aufräumt dann solltest du zu Beginn deines Vorhabens deinen Job kündigen. 

Denn dir wird recht bald deine Zeit und Puste ausgehen. Wenn du dein Kind unterstützen möchtest, brauchst du Zeit und Kraft. Hier gibt es einen einfachen Tipp. Baue die Mission ich kann das schon alleine in deinen Alltag ein und gib den Baustellen eine Reihenfolge.


Die Mission ich kann das schon alleine –  eine besondere Form der Fürsorge

Wenn dein Kind etwas alleine schafft, braucht es dich nicht mehr. Zumindest nicht in dieser Angelegenheit. Nicht gebraucht zu werden ist für die meisten Menschen ein unangenehmes Gefühl.

Selbstständigkeitserziehung ist quasi der gerade Weg in die Unabhängigkeit deines Kindes. Wenn du deinem Kind Liebe zeigen willst dann kannst du ihm alles abnehmen, so  lange es geht.

Dieser Weg ist leicht, du bekommst jedes Mal direkt ein tolles Gefühl und er ist konfliktarm. Außerdem spart es Zeit. Wenn du dein Kind unterstützt seine täglichen Angelegenheiten selber zu können, wird es dich erst sehr viel später dafür lieben. Und die Zeitersparnis kommt auch erst am Sankt-Nimmerleins-Tag.  Zwei Arten der Fürsorge mit unterschiedlichem Ergebnis.

Hier mein Tipp: Wenn du auf das unmittelbare Gefühl gebraucht zu werden verzichten kannst, ist das eine gute Voraussetzung. Dein Kind spürt deine Abhängigkeit von diesem Gefühl und wird sich entsprechend verhalten. Denn es liebt dich ja und will dir etwas Gutes tun.


Selbständigkeitserziehung – Schritt für Schritt dein Kind unterstützen

Stell dir vor ich gebe dir eine Profi-Nähmaschine mit Bedienungsanleitung. Ich erkläre dir einmal wie man sie bedient und damit eine Hose näht. Dann erwarte ich von dir ab sofort täglich die Produktion einer verkaufsfähigen Hose.

So geht es vielen Kindern, wenn die sich den Po selber abwischen oder ihr Zimmer aufräumen sollen. Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass diese für dich einfach erscheinenden Tätigkeiten für Kinder komplexe Vorgänge sind.

Je umfangreicher, desto länger brauchen Kinder Abläufe und Routinen zu entwickeln. Ich werde dir an einem Beispiel zeigen, wie du dein Kind unterstützen kannst. Ich wähle das Beispiel vom Kindergartenrucksack (du kannst den Ablauf auf fast alle Lernfelder übertragen) nicht uneigennützig.

Denn die Selbständigkeitserziehung mache ich täglich für die 20 Kinder im Waldkindergarten. Ich könnte hierbei echte Hilfe von den Eltern brauchen. 


Schritt 1: Gemeinsam einkaufen

Gemeinsam einen Kindergartenrucksack mit deinem Kind kaufen. Vorfreude ist die schönste Freude. Sich auf den Kindergarten gemeinsam vorzubereiten macht allen Spaß. Außerdem muss ja beim Kindergartenrucksack alles stimmen.

Wenn dein Kind dabei ist, kannst du den passenden für die Größe deines Kindes finden und es hat Anteil am Geschehen. Dein Kind wird deutlich motivierter sein, wenn es dabei war und schon  mitbekommen  hat, wie wichtig die vielen Details bei seinem Rucksack sind. Was du beim Rucksackkauf beachten solltest, kannst du in meinem Beitrag Kindergartenrucksack Leitfaden nachlesen. 


Schritt 2: Vormachen

Jeden Tag packst du für dein Kind den Kindergartenrucksack. Das ist ein guter Anfang für deine Mission ich kann das schon alleine. Lass dein Kind dabei zuschauen und kommentiere deine Handlungen.

„Schau hierher kommt die Trinkflasche weil…., jetzt nehme ich die Brotzeitbox und lege sie hierhin…“.

Bei Aufsetzen machst du es genau so. „Jetzt erst einen Arm, dann den anderen, ich stelle dir jetzt die Träger ein, damit der Rucksack richtig sitzt….“. Mache hieraus keine Lehrveranstaltung, sondern eher ein Selbstgespräch.


Schritt 3: Fragen

Eines Morgens dann, fragst du mitten drin. „Was muss ich denn jetzt als nächstes machen?“,   oder „Du kennst dich ja schon aus, wo kommt die Trinkflasche hin?“, es geht auch „Wie heißt das Ding hier nochmal und wo kommt es hin?“

Stelle dich einfach ein bisschen dumm. Kinder freuen sich, wenn sie etwas besser wissen als ihre Eltern. Auch schon im Kindergartenalter.


Schritt 4: Helfen lassen

„Kannst du mir schon mal die Brotzeitdose geben?“, „Ich brauche mal ein Band vom Brustband von dir, dann stecke ich die andere Seite in die Schnalle“.

„Schau mal, ich halte dir den Gurt hin, du kannst mir helfen und schon mal einen Arm reinstecken.“ Sich helfen lassen bzw. um Hilfe bitten, öffnet Türen und motiviert zur Handlung. „Mach dies und mach das“ hört niemand gerne. Da stellen sich Ohren bei Kindern gerne auf Durchzug. 


Schritt 5: Mit Unterstützung selber machen lassen

Wenn du  das Gefühl hast, dein Kind hat die Reihenfolge der Abläufe abgespeichert und alle Handgriffe geübt ist es soweit. Jetzt lasse dein Kind den Rucksack selber packen, ihn selber aufsetzen und auch das Auspacken sowie Ablegen vom Rucksack kann es jetzt selber organisieren.

Du kannst dein Kind unterstützen, indem du ihm zur Hand gehst. „Was kommt als nächstes?“, wenn es nicht weiter weiß. Den Rucksack hinten anheben, wenn das Aufsetzen noch hakelt. Kleine Handgriffe, die deinem Kind helfen es selber zu machen. Bitte übe keine Kritik, sondern motiviere dein Kind. Plane die Zeit ein, die es dafür braucht.


Schritt 6: Ich kann das schon alleine

Baue die Hilfen zügig ab. Du kannst deinem Kind rückmelden: „Du kannst das schon alleine. Da bin ich sicher. Dieses mal schaffst du das auch“. Der Erfolg ist bereits die Belohnung. Etwas selber zu schaffen, ist ein tolles Gefühl. Wenn du deinem Kind eine Belohnung in Aussicht stellst, lernt es Dinge nicht um ihrer selbst willen, sondern um einer Belohnung willen.

Es erkennt nicht den Eigenwert der Autonomie. Lob geht immer. Aber: Mache keinen Staatsakt daraus, denn dann denkt dein Kind, dass es ein Wunder ist den Rucksack alleine packen zu können. Kinder, die dauernd denken, dass sie was wunderbares leisten und außergewöhnliche Dinge schaffen, sind für ihre Umwelt auf lange Sicht anstrengend. Lasse dir die Luft für Applaus, wenn dein Kind wirklich etwas Außergewöhnliches macht. 


Entscheide selber welche Bereiche du für dein Kind wichtig findest

Du denkst jetzt sicher: „Wenn die Iris weiß wie es geht, warum kann ihr Sohn dann keine Schultasche packen oder sich eine Brotzeit herrichten?“

Ich habe Prioritäten gesetzt. Mir waren andere Bereiche der Selbständigkeitserziehung wichtiger und ich kann selber meine Tasche nicht ordentlich packen. Mir ist es auch nicht wichtig. Ich kann dafür viele andere Sachen und meine Kinder auch. Was die Brotzeit anbelangt, so wird Sohnemann ab nächster Woche früher aufstehen müssen und mit mir gemeinsam die Brotzeit für alle herrichten lernen.

Mit 9 Jahren wird es Zeit und er hat schon soviel über gesunde Ernährung gelernt und seit seiner Kindergartenzeit tolle Brotzeiten dabei gehabt. Er kann mitten in den Schritt 4 Helfen lassen eintauchen. In Sachen Schultasche sind wir über Schritt 2 noch nicht hinaus. Tipp: Setze Prioritäten. Zeige deinem Kind, was du selber wichtig findest und was du kannst. Bedenke dabei immer die langfristigen Konsequenzen.

 

Selbständigkeitserziehung zusammen gefasst

♥ Nehme dir immer eine Sache vor, die aktuell ist und in deinen Alltag passt

♥ Arbeite bei einem Kindergartenkind in kleinen Schritten

♥ Beginne bei dem, was dein Kind schon kann

♥ Dein Kind braucht Zeit die Dinge zu üben

♥ Wenn dein Kind überfordert ist, gehe bis zu dem Schritt zurück, den es gut beherrschte

♥ Ich kann das schon alleine ist die Belohnung. Du brauchst keine zusätzliche Belohnung

♥ Setze Prioritäten 


Dein Waldschrat 

Dr. Iris Osswald-Rinner

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